Sechs Monate Freiwilligendienst in Thailand

(von Antoine, 31.01.2014)

Vor ungefähr 6 Monaten lag meine Reise nach Chiang Mai, Thailand vor mir wie ein großer Berg, den ich überwinden musste. Natürlich war die Vorfreude groß- endlich, nach 13 Jahren Schule etwas ganz neues Erleben und frei sein von all den Verpflichtungen von zu Hause. Sorgen hatte ich jedoch auch: vor Schwierigkeiten mit dem Essen (da ich Vegetarier bin), den Straßenhunden, und ob ich meinen Flug, den ich alleine antreten musste, meistern würde.
Doch schon innerhalb der ersten paar Tage in Thailand lösten sich die Sorgen in Luft auf: der Flug und das Umsteigen waren problemlos verlaufen, die Hunde in unserer Straße waren harmlos und in der Schule, in der ich als Englischlehrerassistentin arbeiten sollte, hatten sie Verständnis für meine vegetarische Ernährung. Auch in der WG kamen wir auf Anhieb als Gruppe gut zurecht, was sich im Laufe der Zeit auch nicht ändern sollte.

Die Schule in der ich mit zwei anderen Freiwilligen eingesetzt wurde, ist eine christliche Schule südlich von Chiang Mai mit ca. 600 Schülern. Ich unterstützte ab jetzt die Englischlehrerinnen der Klassen 4-6. Meine Aufgabe war es, jede Stunde 10-20 min mit den Klassen Lernspiele zu machen. Dies war in den ersten Monaten eine große Herausforderung für mich, da ich mich ziemlich unter Druck setzte, alles so gut wie möglich zu machen: die Spiele sollten den Kindern Spaß machen, abwechslungsreich sein und einen großen Lerneffekt haben.

Zu Beginn war ich oft frustriert, wenn ein Spiel mal nicht so gut klappte oder die Kinder unkonzentriert waren. Doch ich lernte dazu und bekam ein Gefühl dafür, was den Kindern Spaß machte und wie ich ihnen die Spiele mit minimalem Englisch verständlich machen konnte. Somit machte mir das Unterrichten immer mehr Spaß- es ist ein schönes Gefühl, wenn ein Spiel gut klappt, die Kinder mit Elan dabei sind und manchmal schon aufgeregt: „Teacher, play a game!“ rufen, wenn man in die Klasse kommt. Perfekt ist es dann noch, wenn man merkt, dass die ein oder andere Vokabel hängengeblieben ist. Ich lernte auch, damit umzugehen, wenn etwas mal nicht so klappte wie gedacht, und versuchte, daraus zu lernen. Besonders schön war es auch, mit der Zeit die Persönlichkeiten und die Gesichter der Kinder kennenzulernen, die zu Beginn alle gleich so aussahen. Die meisten von ihnen waren erst ziemlich schüchtern, aber sind mit der Zeit aufgetaut und haben angefangen Späße zu machen und in der Pause auf uns zuzulaufen und uns zu umarmen.

Als wir uns an den Schulalltag gewöhnt hatten, rückte dann ein anderes Problem in den Vordergrund: wir fühlten uns schlicht unterfordert. Das lag daran, dass wir von den bereits wenigen Unterrichtsstunden (ca. 10/Woche) als Assistenten ja nur einen Anteil übernahmen. So hatten wir das Gefühl, viel rumzusitzen- in den Freistunden sowie z.T. auch in den Englischstunden selbst. Hinzu kam, dass unsere Schule eigentlich ausreichend und gute Englischlehrer hat. Somit fühlten wir uns nicht wie gebrauchte Helfer, sondern eher wie Praktikanten.

Ich lernte aber, meinen Aufenthalt in Thailand weniger als Hilfsdienst und mehr als einen kulturellen Austausch anzusehen. Dass ich am Alltag einer thailändischen Schule teilhaben durfte, bat mir die Möglichkeit, das Land in einer Weise zu erleben, die sich Touristen nicht bietet. Ich hatte einen intensiven Einblick in die Kultur und Verhaltensweisen der Thais und die Chance, mich diesen ein wenig anzupassen. Für die Schulkinder ist es sicher auch gut, alltäglichen Kontakt Westlern zu haben, die sie sonst nur als Touristen o.ä. kennen. All die Schulveranstaltungen wie z.B. das Pfandfindercamp, und Unternehmungen wie das „Sternsingen“ mit den Lehrern zu Weihnachten, bei dem wir bei vielen verschiedenen Leuten, die in der Umgebung wohnen, im Wohnzimmer Weihnachtslieder vorgesungen haben, sind Dinge, die ich nur durch meine Zeit an der Schule erleben konnte.

Die thailändische Kultur hat mir viele positive Werte gezeigt, die in Deutschland oft zu kurz kommen- die entspannte Sicht auf Probleme („Mai pen rai“-das macht nichts!), der respektvolle Umgang mit Mitmenschen, sowie das offene und freundliche Lächeln, was die Laune an einem schlechten Tag schnell mal heben kann. Diese Dinge werde ich versuchen, so gut wie möglich nach Deutschland mitzunehmen und beizubehalten.

Andererseits gibt es aber auch Aspekte, die ich eher negativ gesehen habe: die eigene Meinung wird selten ehrlich geäußert, auch Kritik wird kaum geübt. So habe ich bisher nie ein konstruktives Feedback zu meinem Unterricht bekommen, was auch verunsichernd sein kann. Zudem denke ich, dass die Unbekümmertheit hier oft zu weit geht. Wenn Familien, teilweise zu viert und mit Kleinkindern auf einem Motorrad sitzen und keines der Kinder einen Helm auf hat, geht es mir persönlich zu weit. Ähnlich ist es mit der starken Umweltverschmutzung. Aber auch daraus kann ich etwas Positives gewinnen und auch manche Aspekte der deutschen Kultur schätzen lernen.

Ein Höhepunkt des Aufenthaltes war für mich der Besuch des Karendorfes, aus dem unser Betreuer Win stammt. Er hat uns, alle 9 Freiwilligen aus Chiang Mai, für ein Wochenende dorthin mitgenommen, um uns nochmal eine ganz andere Seite von Thailand zu zeigen. Wir haben gesehen wie die Menschen dort leben, die Dorfschule besichtigt, und die wunderschöne Natur des Doi Inthanon genossen. Dabei haben wir uns zu keinem Zeitpunkt als Touristen oder Eindringlinge gefühlt, wie es bei touristisch organisierten Bergdorfbesichtigungen meist ist. Wir haben gelernt, dass die Karenkultur nochmal eine ganz andere ist, als die Thailändische, und wie wenig man für ein zufriedenes Leben braucht.
Auch das Zwischenseminar in Mae Sai war eine tolle Erfahrung. Wir haben uns mit Freiwilligen von anderen Organisationen austauschen können, ein paar waren auch in Laos eingesetzt. Außerdem haben wir einen guten Einblick in die Arbeit von Hope for Life vor Ort bekommen, das Kinderheim kennengelernt und eine Kaffeeplantage, die ein Projekt von HfL ist, besichtigt.

Rückblickend denke ich, dass Thailand das perfekte Land für mich war, um erste Auslandserfahrungen zu sammeln. Ich habe mich immer sicher Gefühlt und durch die freundliche und hilfsbereite Art der Thais war der Kulturschock kaum merkbar. Auch in der WG habe ich mich sehr wohl gefühlt. Zudem habe ich gelernt, dass ich viele Probleme selbstständig lösen kann und auch klarkomme, wenn ich auf mich selbst gestellt bin.

In einer Woche reise ich ab und es fühlt sich ähnlich an wie vor meiner Abreise aus Deutschland- ein Zeichen, dass ich mich hier so sehr eingelebt habe, dass es ein zweites zu Hause geworden ist. Chiang Mai ist mir inzwischen sehr vertraut, ich kenne mich aus, habe Lieblingsplätze, u.s.w. Es ist ein schönes Gefühl, sagen zu können, dass man eine andere Kultur und einen neuen Ort so intensiv kennengerlernt hat.

Zudem habe ich festgestellt, dass mir das Unterrichten Spaß macht, was mich in meiner Zukunftsplanung sehr weitergebracht hat. Auch mein Interesse in soziale Arbeit und Entwicklungsarbeit hat sehr zugenommen.

Die 6 Monate Freiwilligendienst waren für mich eine sehr schöne Zeit, in der ich viele unvergessliche Erlebnisse hatte, neue Freunde gefunden habe, und die mich vor allem persönlich weitergebracht hat. Auch wenn nicht alles meinen Vorstellungen entsprach, war es die Erfahrung auf jeden Fall wert und sie wird mich sicher für den Rest meines Lebens prägen.

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