Mein Freiwilligendienst in Chiang Mai

(von Sophie, 15.11.2015)

Mit Staunen stelle ich fest, dass ich jetzt schon fast zwei Monate hier in Thailand bin, hier lebe. Genau genommen seit 8 Wochen. 57 Tage, 1344 Stunden und unzählbar viele Sekunden, von denen jede einzigartig war. Obwohl ich unser gemütliches Haus in Hang Dong am Rande Chiang Mais mittlerweile schon wirklich als ,,Zuhause bezeichne und auch ansonsten eine gewisse Routine hier eingekehrt ist, ist mein Kopf immer noch mit dem einen Gedanken beschäftigt: Du bist wirklich hier, in diesem Moment, das ist Thailand, das ist echt: Die hohe Luftfeuchtigkeit, die Hitze (die für uns schon gar keine mehr ist) im Kontrast zu der Kälte in den heruntergekühlten Geschäften. Die kleine Frau, die am Straßenrand Sticky Rice in Bananenblättern verkauft. Eine unglaubliche Auswahl an außerirdischen Früchten, Bananen und Mangos, gegen die die in Deutschland schmecken wie Watte.

Die niedrigen Preise und das ewige Feilschen auf den Nachtmärkten, Geld ausgeben. Kurvige Fahrten durch die Stadt und vorbei an Feldern, Palmen, goldenen Tempeln. Die Mücke, unser ewiger Begleiter, und die kleinen Geckos an jeder Hauswand. Die Verständigung mit Händen und Füßen und den Fetzen Thai, die wir uns mittlerweile angeeignet haben. Platzregen und die kräftigen Rottöne der Wolken, in denen sich die Abendsonne spiegelt. Wasserfälle, Pflanzen und Geräusche, die an das Tropengewächshaus im Tierpark zuhause erinnern. Die Mönche, die in ihren orangenen Gewändern durch die Stadt wandern, im Hintergrund das ewig blaue Bergpanorama. Das alles gehört zu dieser kleinen, fremden Welt hier, die wiederum jetzt schon irgendwie zu mir gehört.

Das Einleben ging schneller als gedacht. Zu fünft beziehungsweise viert leben wir in den beiden Häusern mit 2-3 Schlafzimmern, 2 Bädern und Wohnzimmer mit Kühlschrank, Tisch, Couch, einigen Ventilatoren und sogar W-Lan. In die Stadt fahren wir ungefähr 20 Minuten. Chiang Mai ist die zweitgrößte Stadt Thailands und dort, sowie im ländlichen Umkreis gibt es so viel zu sehen, dass wir auch außerhalb der Schule immer was zu tun haben. So haben wir an den Wochenenden auch schon viele Tempel oder Museen besichtigt, Ausflüge in die Berge und zu Wasserfällen gemacht, wobei uns Win (unser toller Betreuer hier Vorort!) stets ein guter Reiseführer war.

Die Schulen sind im Umkreis von 7 Kilometern, wie auch meine: Sie besteht aus nur 43 Kindern im Alter von 3-12 Jahren, einem Kindergarten, vier Klassen, acht Lehrern, einer ziemlich guten Köchin und einem witzigen Hausmeister. Und da ist noch Platz für zwei Freiwillige? Und wie! Die Herzen der Thais, vor allem die der Kinder, sind riesig! Die regelmäßigen Kuschelattacken, gutes Essen, kleine Veranstaltungen, sogar schon eine Klassenfahrt zum Meer und das warme Lächeln von Kru Nom, unserer Ansprechpartnerin unter den Lehrern, geben einem jeden Tag wieder das Gefühl, sehr willkommen zu sein. Jeden Morgen spaziere ich wieder gerne durch das hellgrüne Tor, über den (von uns und den Kindern) bemalten Schulhof hin zu den offenen Klassenzimmern. Und das obwohl wir bei der geringen Schüleranzahl, jeder jeweils nur eine Unterrichtsstunde pro Tag haben und uns daher manchmal etwas unterbeschäftigt fühlen.

Diese 60 Minuten haben´s jedoch definitiv in sich, denn eine Gruppe aufgedrehter Kids zum Lernen zu bringen, ist trotz genausten Überlegungen vorher, nicht immer einfach und läuft selten wie geplant. Gerade gegen Anfang hab ich mir dann oft die Frage gestellt: Auf welcher Basis kommuniziert man denn, wenn beide Seiten kein Wort des anderen verstehen und sich sogar Gestik und Zeichensprache voneinander unterscheiden?? lrgendwann habe ich dann angefangen, das Ganze mehr auf thailändische Art anzugehen. „Wenn Sie unterrichten, dann seien Sie bemüht, nicht nur Wissen zu vermitteln (...)", so steht es in dem kleinen, mit gelbem Stoff eingebundenem Buch "Ratschläge des Herzens" vom Dalai Lama selbst geschrieben.

Das heißt? Ich beobachte, wie die Kids auf dem Schulhof Farben schreien und dazu in den bunt bemalten Hüpfkästchen hin und her rennen und nehme dieses Spiel sogleich in meine Unterrichtsstunde mit auf (auf Englisch natürlich). Ich singe immer das gleiche englische Lied zum Abschluss und obwohl sie immer noch nicht mitsingen, klatschen und tanzen sie mittlerweile begeistert. Ich wiederhole seit drei Stunden, das gleiche Thema, die gleichen Vokabeln. Ich sitze die zweite Hälfte der Stunde bei meinen beiden Nachzüglern und erkläre das Arbeitsblatt zum Ausmalen, Wörter abschreiben, Farben zuordnen immer und immer wieder, helfe ihnen bei den Buchstabenlücken und radiere den Buchstaben, der keiner ist, so lange wieder weg, bis es stimmt und halte gleichzeitig die anderen mit Zusatzaufgaben, weiteren Ausmalblättern oder Bastelsachen in Schacht.

Ich beginne meine Stunde jedes Mal mit dem Durchzählen auf Englisch und sie schreien ihre Zahl jetzt schon aufgeregt, wenn sie dran sind und sind stolz, wenn ich am Ende den Daumen nach oben zeige. Es geht nicht um das Vermitteln von möglichst viel Wissen. Es geht um Routine und trotzdem um Abwechslung, um Sanuk (Spaß), um Geduld und Kreativität. Und auch wenn ich am Ende vom Jahr nur diese 10 Vokabeln beigebracht habe, so bin ich mir sicher, haben nicht nur die Kinder etwas aus der Zeit mitgenommen. Jetzt jedoch stehen erst mal die ersten Schulferien an, für die wir alle schon Rucksacktouren und spontane Trips durch Thailand geplant haben! Ich weiß nicht, was mich hier noch alles erwartet, aber die nächsten Monate bieten noch so viel Platz für weitere wundervolle Ideen und Erlebnisse, in meiner neuen, kleinen Welt hier.

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