Good Morning Teacher - Englischlehrerassistent in Thailand

(von Antonie, 16.08.2015)

Mein Freiwilligendienst neigt sich nun langsam dem Ende zu und es erscheint absolut unwirklich,  jetzt einen „Abschlussbericht“ über die Erlebnisse der vergangenen Monate zu schreiben. Ich habe nicht nur ein Land und eine neue Kultur kennen- und lieben gelernt, sondern auch eine zweite Heimat gefunden. Von der ersten Sekunde an habe ich mich in Thailand wohl gefühlt. Wie könnte es auch anders sein in einem Land wo die Menschen so gastfreundlich, hilfsbereit und liebevoll sind? Fast überall trifft man auf ein Lächeln oder ein schüchternes Kichern mit einem leise gemurmelten „Falang Falang“ (Das thailändische und laotische Wort für Westler). Es wird sich stets bemüht zu helfen, ob Hilfe gebraucht wird oder nicht und wenn der Falang dann auch noch ein paar Worte Thai von sich gibt, stehen ihm alle Türen offen. Auch an meiner Schule wurde ich sehr herzlich empfangen und sofort in die große „Familie“ aufgenommen.

Als ich an meinem ersten Schultag von der Ladefläche des „Hope for Life“ Pickups in den Schulhof hüpfte, hatte ich keine genaue Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Groß Zeit darüber nachzudenken gab es auch nicht, denn sofort griff Kru Dao, die Englischlehrerin der oberen Klassen, meine Hand und zog mich, unter unaufhörlichem Geplapper mitten in das Getümmel von Lehrern und Schülern, welche schon ganz gespannt auf den neuen „Kru Falang“ (Kru = Lehrer; Falang = Westler) warteten. Es war gerade Morgenappell. Bei diesem versammeln sich, jeden Morgen um 8 Uhr, alle Schüler und Lehrer auf dem Schulhof. Die Schüler stehen in Reih und Glied, es wird die Nationalhymne gesungen, gebetet, alle möglichen Ansprachen gehalten und gerne werden die Schüler auch etwas militärisch getriezt. Das Ganze dauert 20 bis 45 Minuten, je nachdem wie gnädig die Lehrer gerade gestimmt sind.

Um 9 Uhr beginnt dann der Unterricht. Auch für mich an meinem ersten Schultag. Ich war keine halbe Stunde vorher an der Schule angekommen und schon stand ich unvorbereitet vor einer 30-köpfigen 9. Klasse und sollte unterrichten. Kein Problem! Improvisieren angesagt! Meine erste Lektion von vielen in Sachen Improvisationskunst. Hier in Thailand muss man immer auf alles gefasst sein. Oft hatte ich in diesem Jahr plötzlich doppelt oder nur halb so viele Schüler vor mir sitzen wie eigentlich anwesend sein sollten. Manchmal einfach eine andere Klasse als auf dem Stundenplan, manchmal bleibt das Klassenzimmer auch leer weil die Schüler beispielsweise im Tempel sind, die Schule putzen oder als Gemeinschaftsstrafe auf dem Hof in der Sonne liegen (die Höchststrafe, dabei wird man braun!). Das Ganze macht es natürlich sehr viel schwieriger ein Unterrichtskonzept durchzuziehen.

Noch schwieriger wird es dadurch, dass ich jede Klasse nur einmal die Woche unterrichte. Ich unterrichte die 4. bis 9. Klasse und den Kindergarten. Außer mir gibt es auf der Ban Payang School für die rund 900 Schüler nur noch zwei andere Englischlehrer. Die beiden haben viel Motivation und arbeiten hart aber ihre Englischkenntnisse lassen leider zu wünschen übrig. Deshalb soll ich so viele Klassen wie möglich unterrichten, was dazu führt, dass ich keine wirklich intensiv betreuen kann. Anfangs habe ich mich gefragt, ob ich so überhaupt nützlich bin. Wenn die 4. Klasse nach drei Monaten Unterricht immer noch „thank you teacher“ statt „good morning teacher“ sagt, kommt man wirklich ins Zweifeln. Doch besonders bei den Kleinen kann ich nun einen großen Fortschritt feststellen und das nicht nur im Bezug auf die Englischkenntnisse.

Der Wesentliche Unterschied ist ihre Zutraulichkeit. Anfangs hatten die meisten Angst auch nur ein Wort Englisch mit mir zu reden. Nun rufen sie mich zu sich um nach Aussprache zu fragen und lesen, wenn auch oft begleitet von viel Gekicher, gerne vor und lassen sich korrigieren. Die Kindergartenkinder, welche mich anfangs nur mit riesigen Augen angestarrt haben, als wäre ich ein Alien, wollen mich nun nach der Stunde gar nicht mehr gehen lassen. Es hat eine Weile gedauert bis ich erkannt habe, dass es hier wohl eine meiner wichtigsten Aufgaben ist, Angst und Vorurteile gegenüber uns „Westler“ abzubauen. Viele Thais, besonders hier in Mae Sai, einer dörflichen Umgebung, haben eine völlig falsche Vorstellung davon, was es bedeutet aus Europa zu kommen.

Anfangs wollte man mir beibringen wie man Gläser spült und wozu ein Besen zu gebrauchen ist. Ich bin doch Falang, sowas muss ich doch zu Hause nicht machen, denken sie. Das Geld landet auf wundersame Weise in Massen auf unseren Konten und wir geben es dafür aus in ärmere Länder mit weniger Komfort zu reisen. Unverständlich. Öfter wurde ich gefragt „Why do you want to teach in Thailand? Why don't you stay in Germany? It must be so much better!“

Auffällig ist, dass es innerhalb der Klassen immer sehr starke Altersunterschiede gibt. Zum Beispiel habe ich in einer 4. Klasse einen 8-jährigen neben einem 15-jährigen sitzen. Die Ältesten sind meist für die Disziplin der Klasse zuständig, wobei sie nicht zögern den Schlagstock rauszuholen. Mir wurde er auch ein paarmal angeboten; aber nein danke, da schreie ich doch lieber ein wenig rum. Meist kommen diese Kinder aus Myanmar und sind so alt weil sie, meist aus familiären Gründen, sehr spät eingeschult wurden. Sitzenbleiben ist in Thailand eigentlich keine Option. Wenn ein Schüler zu schlecht ist wird er ganz einfach hoch gewertet.

Doch nicht nur die Alters-, sondern auch die Leistungsunterschiede sind enorm. Eine Aufgabe wird von manchen Schülern in 10 Minuten bearbeitet, während andere eine ganze Stunde brauchen. Auffällig ist hierbei, dass die Besten immer die Burmesen sind. Die Kinder aus Myanmar sind oft fleißiger und Neuem gegenüber offener als die Thais. Laut feststellen sollte ich das an meiner Schule allerdings nicht denn die Abneigung gegenüber dem Nachbarland ist groß. Viele Schüler wollen nicht einmal zugeben dass sie aus Myanmar kommen doch die strengeren Gesichtszüge und dunklere Haut verraten sie.

Die Schule darf erst um 16 Uhr verlassen werden, doch der Unterricht geht meist nur bis 15 Uhr. Danach gibt es Aktivitäten wie Fußball, Volleyball, malen, basteln, Cheerleading und Marchingbandproben. Meistens spiele ich mit den Mädels Volleyball oder helfe beim Basteln zur Verschönerung des Klassenraumes. Wenn es mal wieder einen schulübergreifenden Wettbewerb gibt, bin ich für das Einstudieren von englischen Liedern, Theaterstücken oder Reden verantwortlich. Wettbewerbe gibt es regelmäßig und in allen erdenklichen Disziplinen. Es treten Schülergruppen im Marschieren und Holzflugzeuge basteln gegeneinander an, aber auch traditioneller Gesang und Tanz ist dabei. Jedes Mal wieder ist es toll zu sehen, was die Kinder alles auf die Bühne zaubern.

Erstaunlicherweise ist dann auch nicht mehr viel von dem zurückhaltenden, ängstlichen Verhalten aus meinem Unterricht zu bemerken. Das liegt wohl daran dass sie alles vorgegeben bekommen und unaufhörlich üben. Nur nach Perfektion des Erlernten wird es auf der Bühne präsentiert. Im Unterricht, wenn sie selbst nachdenken und kreativ werden müssen, werden sie unsicher. Denn das wird ihnen nicht beigebracht. Sie können nachsprechen und auswendig lernen, nachgemalte Bilder sehen oft besser aus als das Original, doch selbst kreieren steht nicht auf dem Stundenplan.

Abgesehen von den Wettbewerben gibt es noch viele andere Aktionen außerhalb des Unterrichts. Es gibt Scoutcamps, regelmäßige Besuche bei Schülern zu Hause und gemeinsame Tempelbesuche. Doch besonders gerne veranstalten die Thais English Camps. Am Wochenende kommen die Schüler in die Schule um einen ganzen Tag spielerisch Englisch zu lernen. Hierfür kommen oft Studenten aus Chiang Mai um uns freiwillig zu unterstützen. Ohne Freiwilligenarbeit würde hier vieles nicht funktionieren denn das Budget der Schulen ist niedrig. Außerhalb der Schule gebe ich jeden Tag privaten Deutschunterricht und nehme Thai Sprachstunden.

Die Sprache zu erlernen würde noch sehr viel länger dauern als ein Jahr doch ich habe einen guten Einblick bekommen. Alltagsgespräche sind kein Problem mehr und lesen und schreiben macht super viel Spaß! Die Thais freuen sich auch immer riesig wenn man ein bisschen sprechend kann.Nach der Schule fahre ich ab und zu mit einem jungen Lehrer, Kru Ken, an seine alte Schule ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Diese ist nicht weit entfernt von dem Kinderheim von Hope for Life und viele Heimkinder gehen dort zur Schule. Hier sind die Kinder in den normalen Schulalltag eingebunden. Sie lernen, spielen, basteln und nehmen an Wettbewerben teil, wie alle anderen auch. Im Heim wurden wir Freiwilligen sehr viel weniger gebraucht als erwartet. Bis auf den gelegentlichen Wochenendbesuch zum Spielen haben wir die Kinder selten gesehen. 

Als Abschluss hat uns Arthur, der Chef von Hope for Life Thailand, ein paar Tage mit in die Berge genommen um uns stolz sein Heimatdorf zu zeigen. Er gehört zu dem Stamm der Akha. Auch an Weihnachten wurden wir Freiwilligen in das Heim eingeladen und durften zusammen mit den Kindern die festliche Zeit genießen. Ich bin sehr dankbar für die einzigartige Zeit die ich hier in Thailand verbringen durfte und genieße nun in vollen Zügen meine letzten Wochen hier in diesem wunderschönen Land. Ich wurde schon gefragt ob ich mich ein zweites Mal für einen Freiwilligendienst entscheiden würde und die Antwort lautet eindeutig JA!

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