Schwimmlehrerin in Ghana

(von Judith, 05.04.2016)

Nun sind bereits fünf meiner sechs Wochen hier in Accra, Ghanas Hauptstadt, um und ich frage mich wirklich, wo die geblieben sind. Die Zeit hier verging wie im Flug und das ist ja bekanntlich ein gutes Zeichen. Zuerst einmal war mein Direktflug nach Ghana ein Glücksgriff und wirklich entspannt. Während ich am heißen Flughafen auf mein Gepäck wartete, bekam ich eine erste Kostprobe von Ghanas "Dumsor" (="Strom aus-an"). Das Gepäckband blieb stehen, bewegte sich nach 2 Minuten jedoch wieder. Der Empfang meiner Gastfamilie am Flughafen war herzlich, jedoch war ich erschlagen von all den Eindrücken, die mich bis dahin schon erreicht hatten.

Noch nie hatte ich solche Straßen, einen solch chaotischen Verkehr, jedoch so entspannte, aber laute Menschen gesehen. Ghanas öffentliche Verkehrsmittel sind größtenteils Taxis und "Trotros", umgebaute Kleinbusse, die nur losfahren, wenn sie komplett vollgestopft sind. Oberste Verkehrsregel: rechts-vor-links? Von wegen! .. wer zuerst kommt, malt zuerst ! (und immer laut hupen!) Ich musste oft laut lachen, weil ich mich in eine andere Welt versetzt fühlte und doch so positiv beeindruckt war, dass es auch ohne diese ganzen systemischen Regeln, wie wir sie in Deutschland haben, funktionieren kann. Ghanaer sind sehr freundlich und nennen die Weißen liebevoll "Obruni". Die Kinder lieben Obrunis oooooder sie haben Angst vor ihnen, weil sie noch so klein sind und nie zuvor einen Weißen gesehen haben. Das Essen ist immer recht mächtig: Reis, Banku, Fufu, Yam... und sehr viel Fisch und Fleisch. Und nicht zu vergessen: Pepper!!! Trinkwasser gibt es auch in Flaschen, gängiger ist jedoch "Pure Water": 500ml in einer Plastiktüte, Ecke abbeißen, rein damit! .. mit einer der größten Faktoren, die Ghanas starke Umweltverschmutzung begründen. 

Gesprochen wird Gha oder Twi; Englisch verstehen die meisten jedoch zum Glück auch. Gewisse Luxusgewohnheiten aus Deutschland müssen einfach abgelegt werden, da führt kein Weg dran vorbei. Meist kein fließendes Wasser, also kalte "bucket shower", keine Waschmaschine, also Handwäsche und Schwitzen ist an der Tagesordnung! Dinge, die mich hier jedoch nicht weiter gestört haben. Kleidung habe ich definitiv zu viel eingepackt, werde jedoch einiges hier lassen und verschenken! In Ghana ist es immer warm, sogar wenn die kälteste Temperaturen im Jahr herrschen, also 15-20 Grad. Mir wurde vorher geraten, nicht allzu kurze Kleidung zu tragen, da die Ghanaer sehr gläubig sind. Dem kann ich nur teilweise zustimmen. Ghana ist ein sehr gläubiges Land, aber keiner schaut dich komisch an, weil du eine kurze Hose anhast, sondern eher weil du weiß bist. Jeder weiß, dass du aus einem anderen Land und einer anderen Kultur kommst und jeder akzeptiert deinen Kleidungsstil. Also kannst du anziehen, was du möchtest. 

Ich war selten alleine unterwegs, vor allem zu Anfang, weil das Trotro-System nicht so leicht zu verstehen ist. Nach einiger Zeit und schon einmal gefahrenen Strecken leuchtet es einem jedoch ein. Zufälligerweise ist meine zukünftige Mitbewohnerin aus Deutschland zur gleichen Zeit in Accra gewesen, also haben wir uns abends schon mal in Osu getroffen, um etwas zusammen zu sitzen oder sind über die Wochenende weggefahren, um mehr von Ghana zu sehen, wie z.B. Ada foah oder die Wli Waterfalls in Hohoe. In Accra selbst habe ich auch nahezu alles gesehen, den Art Market, den Independence Square am 6. März (Unabhängigkeitstag), den Kwame Nkrumah Memorial Park, Jamestown, den Labadi Beach, sowie den Krokobite Beach und einige riesige Trotro-Stationen. 

Auf seine Habseligkeiten sollte man immer gut aufpassen. Da die Fenster der taxis immer heruntergefahren sind, sollte man seine Tasche oder sein Handy nicht auf dem Schoß liegen haben. Mir ist meine Tasche fast von einem Rollerfahrer geklaut worden, ich konnte sie jedoch schnell zurückreißen. Apropos Handy: hier kann man sich einfach eine ghanaische Simkarte kaufen und sie regelmäßig mit einem Code aufladen, wie man das von deutschen Prepaidkarten kennt. Die Ghanaer telefonieren sehr gerne und haben alle ständig ein Handy in der Hand. Meine Gastfamilie hat sogar Wlan, wenn der Strom gerade nicht ausfällt :)

Egal aus welchem Grund: dieses Land zu bereisen, ist eins der besten Dinge, die man tun kann! 

Neben viel gut genutzter Freizeit alleine oder mit meiner Gastfamilie habe ich natürlich meinen Schwimmlehrer-Freiwilligendienst von Welt-Sicht hier gemacht. Da die Partnerorganisation noch in ihren Anfängen liegt, sind die Schwimmschüler Kinder von befreundeten Familien oder Nachbarn. Montags, Mittwochs- und Donnerstagsnachmittags nach der Schule findet der Unterricht statt. Mein Gastbruder Francis und ich, manchmal auch die ganze Familie, sammeln dann die drei Kinder, die an dem Tag dran sind, ein und fahren mit ihnen zusammen zum Hotelpool, wo der Unterricht stattfindet. Alle Kinder sind immer aufgeregt und freuen sich, egal ob etwas Angst vor dem Wasser mitschwingt oder nicht. Dinge, wie nicht vorhandene oder nicht passende Schwimmkleidung sind hier nicht wichtig. Trotz Küstennähe ist es in Ghana eher etwas Besonderes, wenn jemand schwimmen kann, sogar unter den Erwachsenen. Schwimmunterricht in den Schulen gibt es nicht. Die Gruppen der Kinder sind so klein (drei), da wir nur einen tiefen Pool zur Verfügung haben, in dem keiner der Kinder stehen kann, somit ist eine 1zu1-Betreuung nötig.

Das Kind, das gerade dran ist, muss die ganze Zeit festgehalten werden, egal ob es ein Schwimmbrett in den Händen oder eine Poolnudel unten den Armen hat. Auf Grund der Aufregung der Kinder sind die ersten Stunden reine Wassergewöhnung. Anweisungen zur Schwimmtechnik würden sie noch nicht umsetzen können. Also sind wir an der Wasseroberfläche getrieben, haben uns getraut den Hinterkopf ins Wasser zu legen oder sogar Blasen durch Mund oder Nase unter Wasser aufsteigen zu lassen. Später konnten wir erste Armzüge machen oder versuchen uns vom Rand abzustoßen und ein Stück zu gleiten. Die Kinder, die zwischendurch leider immer wieder warten müssen, sitzen am Beckenrand und dürfen mit den Füßen im Wasser plantschen. Nach dem kurzen Abduschen und Umziehen gibt es von uns einen kleinen Snack und dann fahren wir wieder alle zusammen nach Hause und bringen die Kinder sicher heim. 

Nach den sechs Wochen kann keins der Kinder alleine schwimmen. Das war aber auch nicht zu erwarten, da aus kompletten Anfängern nach einer Stunde einmal die Woche keine sicheren Schwimmer werden können. Wir konnten auf Grund von Regen oder Feiertagen leider nicht alle Termine wahrnehmen, also hat sich die Zahl der Unterrichtsstunden sogar minimiert. Sollte der nächste Freiwillige jedoch bald kommen, bin ich sicher, dass die Kinder das Gelernte schnell wieder abrufen und dort ansetzen und weitermachen können. Morgen werden alle Kinder eine "Urkunde" von mir ausgehändigt bekommen, mit der sie "Level 1" erreicht haben. 

Was die Organisation der Partnerorganisation angeht, ist es für deutsche Verhältnisse etwas chaotisch, aber für Ghana ganz normal. Die Ghanaer nehmen es nicht ganz so genau mit Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit ("kommste heut' nicht, kommste morgen") :) 

Mein Fazit: Immer wieder! Meine Familie war die beste, die ich hätte erwischen können. Ich wurde liebevoll Sister Judith genannt und wir hatten wirklich viel Spaß zusammen! Ich werde alle hier sehr vermissen und auch der Unterricht mit den Kindern wird mir fehlen. Mein Zuhause war quasi das Büro der Partnerorganisation und die Gründerin, eine der Schwestern, lebt in Deutschland. Mit dieser stand ich jedoch auch in Kontakt. Nebenbei kann ich mir meine Tätigkeiten als Schwimmlehrerin sogar für mein noch ausstehendes Praktikum im Sportlehrerstudium anrechnen lassen. Jemandem der das gleiche sucht, kann ich diese Option nur empfehlen! 

Neben dem guten Gefühl, etwas Nützliches getan zu haben, hatte ich eine wundervolle Zeit hier mit wunderbaren Menschen und werde meine letzten fünf Tage hier noch in vollen Zügen genießen! 

Vielen Dank an das Welt-Sicht-Team, dass ihr mir diesen Einsatz ermöglicht habt!

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