Unterrichten in Ghana

(von Manuel, 26.05.2016)

Nun sind bereits zweieinhalb Wochen vergangen seit meiner Ankunft hier in Agona Swedru im Süden Ghanas. Nach einem langen Reisetag wurde ich am Abend in Accra am Flughafen abgeholt und nach weiteren ca. zwei Stunden holpriger Autofahrt, kam ich beim Leiter der Partnerorganisation zu Hause an. Die nächsten zwei Monate wird das mein Zuhause sein. Ich habe mir bereits vor Antritt meiner Reise versucht ein Bild zu machen, von dem was mich hier erwarten wird und mir versucht auszumalen, wie die kommenden zwei Monate wohl aussehen werden. Aber schon kurz nach meiner Ankunft wurde mir bewusst, dass man sich das, was ich hier antreffen werde, nicht einfach vorstellen kann. Man muss es erleben, um wirklich zu verstehen, was es heisst, in Afrika zu leben. Trotz aller mentaler „Vorbereitungen“ – es wartete ein Kulturschock auf mich.

Folglich brauchte ich auch entsprechend Zeit, um hier anzukommen, mich anzuklimatisieren und hier Fuss zu fassen. Der Fakt, dass ich nicht zeitgleich mit anderen Freiwilligen aus Europa hier angekommen bin (mit meinen zwei Monaten gehöre ich zu den wenigen Shortterm-Volunteers, viele bleiben ein ganzes Jahr) und dass ich in meiner Schule der einzige Freiwillige bin, machte das Einleben und das Verarbeiten all dieser neuen Impressionen nicht einfacher.

In meiner ersten Woche hatte die Schule, in der ich arbeite, noch Ferien und ich somit frei. Diese Tage kamen mir unendlich lange vor, rückblickend war es aber wahrscheinlich gerade noch gut, so konnte ich die Zeit nutzen, um erste Eindrücke zu gewinnen und mich an möglichst viel bereits zu gewöhnen. Dabei halfen mir die zwei Gastgeschwister sehr, sie zeigten mir die Stadt, erklärten mir viel über ihre Kultur und ihr Leben und waren offen für meine vielen Fragen.

Mit der Schule kam schliesslich in der zweiten Woche auch eine gewisse Struktur in mein Leben. Die ghanaische Partnerorganisation hat die lokale Schule (Carolina International School, nahe des Stadtzentrums von Swedru) für die Zusammenarbeit angefragt und wird von nun an Freiwillige dort platzieren. Somit bin ich nicht nur der einzige, sondern auch der erste Volunteer in dieser Schule (voraussichtlich werden in Zukunft zwei Freiwillige dort arbeiten). Ich konnte nun in der 3. bis 5. Klasse jeweils die Hälfte der Englischlektionen übernehmen, in denen ich hauptsächlich Leseverstehen machen soll. Am Anfang mussten sich sowohl ich als auch die Kinder an das neue Gegenüber gewöhnen, das dauerte jedoch nicht lange und jetzt macht mir die Arbeit mit ihnen sehr Spass und ich habe das Gefühl, ihnen geht es ähnlich. Leider sind es pro Woche nicht viele Lektionen, die ich geben kann, und ich habe somit nicht viel zu tun. Daher versuche ich jeweils in den andern Lektionen bei andern Lehrkräften, die Kinder bei Fragen oder Problemen zu unterstützen und versuche so den Lehrern etwas unter die Arme zu greifen. Die Arbeit muss ich mir aber mehr oder weniger suchen, sonst habe ich, wie gesagt, nicht wirklich viel zu tun.

Geprägt waren diese ersten zweieinhalb Wochen vor allem durch all diese neuen Eindrücke, die mich hier erwarteten, sowie das Kennenlernen und Verstehen dieser „andern Welt“. An einige der doch zahlreichen Unterschiede, mit denen man hier konfrontiert wird, gewöhnt man sich (auch wenn sie einem teilweise noch lange sehr fremd und unverständlich erscheinen) nach einer gewissen Zeit. Beispielsweise das feuchtwarme Klima, der Verkehr, die Infrastruktur, die fremde Küche oder die Tatsache, dass man als einer der wenigen Weissen („Obruni“) stets auffällt und einem entsprechend viel nachgerufen und zugewinkt wird.

An andere Unterschiede kann oder will man sich als kritisch denkender Mensch nicht gewöhnen und sie geben einem zu denken. Viele Dinge laufen hier nicht nur anders als bei uns in Europa, sondern auch fragwürdig und in meinen Augen nicht so, wie sie sollten. Zum Beispiel der Umgang mit Abfall und Umwelt, die patriarchalische Gesellschaftsstruktur, die kühle und gleichzeitig harsche Umgangsform untereinander, die unheimliche Religiosität, die Arbeitsmoral, die beschränkte Sichtweite oder der respektlose Umgang mit Kindern – sichtbar für mich vor allem in der Schule: Kinder werden blossgestellt, unnötig bestraft, zum Teil immer noch geschlagen oder zumindest durch die Präsenz der Holzrute eingeschüchtert und "unter Kontrolle" gehalten.
Aber genau hier (nehmen wir das Beispiel der Schule) kannst du dich unmittelbar einsetzen und Dinge positiv beeinflussen, indem du heikle Punkte, mit denen du nicht einverstanden bist, zwar diplomatisch aber offen ansprichst, sie in Frage stellst und die betreffende Person damit konfrontierst und vor allem es selbst versuchst, besser zu machen und den Kindern und Lehrern damit aufzeigst, was positives Lernklima auch noch heissen kann. Zwar bleibt dein Einfluss vorerst im Kleinen, dafür ist aber der Unterschied umso grösser. Das macht Spass und stimmt mich zuversichtlich.

Nun tönt ein Grossteil meiner Berichterstattung auf den ersten Blick sehr negativ, das soll aber nicht heissen, dass alles nur schlecht ist. Es ist sehr vieles neu für mich, aber gerade deshalb bin ich hier, um diese Kultur zu erleben, versuchen, zu verstehen und meinen Beitrag zum interkulturellen Austausch beizutragen und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Es ist extrem spannend und unglaublich lehrreich, hier zu sein und in diese Welt eintauchen zu können – eine riesen Erfahrung und eine Horizonterweiterung, die ich bestimmt nicht missen werde.

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