Leben und Lernen in Ghana

(von Ronja, 23.10.2017)

Nach einem kleinen Kulturschock, habe ich mich mittlerweile in Ghana eingelebt. Die Offenheit gegenüber Fremden ist hier stark zu spüren. Jeder Fremde fragt, wie es einem geht und ob man Hilfe benötigt, selbst wenn diese nur im Auto vorbeifahren. Kinder winken, kichern oder kommen angelaufen... um einen nur kurz zu berühren. Diese starke Kontaktfreudigkeit habe ich so weder in Deutschland, noch anderen Ländern erlebt. Ein kurzer Smalltalk bedeutet den Menschen hier viel.

Die ersten Tage
Ein besonders überwältigender Moment war der Gang zum Strand von Accra der Hauptstadt von Ghana. Wir liefen zunächst durch ärmere Stadtviertel Richtung Strand. Die Straße war überseht mit tiefen Schlaglöchern und an den Seiten waren tiefe Abwassergräben ohne Abdeckung. Das Laufen fiel schwer, da es keinerlei Bürgersteige gab, Menschen sich an den Rändern entlangschlängelten und Taxis lautstark hupend an einem vorbeirasten. Einige Male sprang ich gerade noch rechtzeitig über die Gräben auf den schmalen Außenrand. Inmitten diesem Gedränge verkauften die Menschen an kleinen Holztischen/Ständen oder auch auf dem Boden ausgebreitete Ware. Geschlossene Läden, wie wir sie aus Deutschland kennen gibt es nur selten. 

Alle grüßten oder winken uns zu, wenn wir an ihnen vorbeiliefen. Vielen berührten meinen Arm oder meine Hände im vorbeigehen und lächelten mir zu. Eine Horde kleiner Kinder lief auf uns zu und schlangen ihre Arme um meine Beine, hielten meine Arme Hände und sprangen an mir hoch. Soviel Nähe von Fremden war ich nicht gewohnt. Ich freute mich einerseits über die glücklichen Kinder andererseits war es mir sehr unangenehm berührt zu werden. 

Der Strand war voller einheimischer Menschen, welche sich im Meer mitsamt ihrer Kleidung wuschen oder einfach in Gruppen am Strand standen und sich unterhielten. Alle starrten uns an, wenn wir an ihnen vorbeiliefen oder kicherten, zeigten auf uns und riefen irgendwas ihren Freunden zu. Wir lächelten und winkten ihnen zu. Erst jetzt reagierten einige und lächelten zurück. Viele kamen um uns die Hand zu geben. Einige wollte Fotos mit uns machen. Ich kam mir vor wie eine Zielscheibe die sich nicht verstecken konnte und gleichzeitig sehr willkommen.

Das Leben im Projekt
In Deutschland bin ich Mathe und Biolehrerin und kenne daher das Deutsche Bildungssystem sehr gut. Um von der Schule etwas Abstand zu gewinnen suchte ich mir ein Projekt mit dem Titel " Kinderfürsorge im Waisenhaus" heraus. Die Projektbeschreibung vermittelte, dass wir viele Aktivitäten mit den Heimkindern planen sowie bei der Essensaugabe und beim Saubermachen helfen sollten. Da bei Ankunft in Ghana bereits keine Schulferien mehr waren, befanden sich die Heimkinder jedoch täglich bis ca. 15:30 in der Schule. Daher begleiteten wir die Kinder  von 8 bis 15 Uhr in der Schule. Danach gingen wir zwei Stunden ins Waisenhaus. 

Das Schulleben war sehr chaotisch. Es gibt keine festen Unterrichtszeiten und es ist niemals still im Gebäude. Die Klassenräume sind häufig nur durch Holzpfosten oder unvollständige Betonwände voneinander getrennt. In einer Klasse sind in der Regel 50 Schülerinnen und Schüler. Es fehlen jedoch immer einige, da sie sich das tägliche Schulgeld oder Schulbücher nicht leisten können. Ein Unterrichtstag beginnt um 7:45 und endet ca. um 15:30. Er kostet die Kinder täglich 3 Cedi (ca. 60 Cent).

Die Lehrer an der Schule haben keine Ausbildung und können teilweise Wissen nur schwer vermitteln. Sie werden wöchentlich bezahlt... jedoch nur, wenn sie den angeforderten Lernstoff unterrichtet haben. Sie werden ständig kontrolliert und so kommt es auch vor, dass sie Kinder mit dem Stock schlagen. Ein Mann vom Militär läuft zusätzlich durch die Klassen, um gelegentlich Kinder zu schlagen, wenn sie etwas nicht wissen oder unruhig sind.  Das ist hart zu sehen und ich schätzte es sehr, dass es in Deutschland anders geregelt wird. 

Viele Lehrer haben jedoch keine Wahl, da sie sonst nicht bezahlt werden. Sie erhalten wöchentlich 25 Cedi...das sind weniger als 5 Euro. Für das Abendessen zahlt man 4 Cedi und für das Frühstück 2 Cedi. Daher wird öfter auf Frühstück verzichtet.  Der Lernstoff ist sehr fragwürdig. So lernen Kinder in der zweiten Klasse in Biologie zwei Stunden lang, dass es große und kleine Pflanzen gibt, indem sie einen Text auf Englisch abschreiben. Das Problem ist nur, dass die meisten Kinder kein Englisch sprechen. Die einheimische Sprache nennt sich Twi. In der Schule ist der Unterricht jedoch nur auf Englisch. Die meisten Kinder können nicht schreiben oder lesen. Sie übernehmen lediglich einzelne Buchstaben von der Tafel. Lesen kann generell keiner so richtig ... auch die Lehrer nicht. Sie lernen ganze Wörter und ihre Bedeutung auswendig. Das funktioniert an sich gut. Neue Wörter können sie jedoch nur unter Anleitung erlernen. 

So sehr man sich auch täglich in Deutschland über die kleinen Dinge ärgert die im Schulsystem nicht so funktionieren, wie wir das gerne wollen, bin ich froh, dass wir mehr Möglichkeiten haben den Kleinen eine Zukunft zu bieten. 

Meine Aufgabe in der Schule war täglich dieselbe. Ich unterstützte die Klassenlehrerin bei der Korrektur der Stundenaufgaben. Dazu legten mir die Schüler/innen ihre Hefte nach getaner Arbeit auf das Pult. Ich korrigierte die teilweise fragwürdigen Aufgaben. Die Texte in den Schulbüchern enthielten häufig fehlerhaftes Wissen. Die meisten Aufgaben waren zum Ankreuzen oder Aufzählen von Dingen ausgelegt. Freies Schreiben in den unteren Klassenstufen war nicht möglich. In Biologie bspw. lautete eine Frage: "Nenne zwei nichtblühende Pflanzen." Als Antwort wurden genau zwei Pflanzen im Buch beschrieben, welche auch als Antwort von den Schüler/innen erwartet wurde. Die erste war eine einheimische Pflanze. Als zweite Pflanze sollte der Kaktus genannt werden. Die meisten Kinder kannten diese Pflanze nicht und auch die Lehrerin war überrascht als ich ihr auf dem Handy einen blühenden Kaktus zeigte. Sie sagte mir, dass ich die Aussage Kaktus als wahr abhaken sollte, da es so im Buch stände und die Schulleitung dieses Wissen zur Abschlussprüfung erfragte. So häuften sich die falschen Antworten von Frage zur Frage. 

Mir fiel es schwer falsche Aussagen und Antworten als richtig zu markieren. Doch die Lehrerin verwies immer wieder auf das Buch und wusste es auch nicht besser. Ich erkannte nicht so recht den Sinn in meiner Arbeit an der Schule. Ich konnte nur wenig mit den Kindern kommunizieren, da sie die Sprache noch zu schlecht konnten und ich vor lauter Korrekturen keine Zeit für diese hatte. Ich war lediglich eine Hilfe für die Lehrkraft, da ich ihr bei der Korrektur half. 

Um 15 Uhr gingen wir immer ins Waisenhaus. Durch das Geschrei der Kinder in der Schule und die Hitze war ich nun meistens sehr müde. Ich habe nie alle Kinder im Heim gesehen, da sich viele Ältere in ihre Zimmer zurückziehen. Sie sind Freiwillige bereits gewöhnt. Mit einer kleinen Gruppe von Kindern im Heim habe ich mich angefreundet. Ich kenne ihre Namen und wir albern herum. Wir animieren zum Spielen jedoch haben sie meist wenig Lust oder müssen Hausarbeiten erledigen. Helfen kann man ihnen dabei nur selten, da sie keine Hilfe wollen. Häufig fragen sie nach unseren Handys und wollen Spiele spielen oder Bilder sehen. Sie sind neugierig auf unsere Welt und ihr Medien. Das erinnert mich an unsere Kinder in Deutschland. Sie lassen sich schnell begeistern. Mit einem Unterschied! Sie sind mit wenig sehr glücklich. Kleidung und Besitz ist zweitrangig, jedoch nicht unwichtig. Gesundheit und Nahrung steht an erster Stelle.

Essen um zu leben
Gegessen wird jedoch nicht aus Genuss, sondern um Kraft zum Arbeiten zu haben. So gibt es nicht viel Auswahl an Nahrungsmitteln und die Auswahl an Gerichten ist sehr beschränkt. Ich war zunächst erschrocken darüber jeden Tag genau das gleiche langweilige Gericht zu bekommen. Schaut man sich jedoch auf dem Markt die Nahrungsmittel an so beschränken sich diese auf 10 Grundnahrungsmittel. Darunter sind Yam (lange große Wurzelknolle, geschmacklich ähnlich wie eine Kartoffel), Maismehl, Instantnudeln, Tomaten, Zwiebeln, Wirsing, Salat, Fisch, Huhn und Kochbananen für Ghanaer noch bezahlbar und Gurken, Möhren, Avocado & Paprika & Erdnussbutter (sehr teuer) sowie Garden Eggs (ähnlich wie Auberginen) schon teuer und für viele nicht bezahlbar. Ich werde Deutsche Supermärkte nun sicher mit anderen Augen sehen und die "zu geringe" Auswahl nicht mehr bemängeln. 

Geduld lernen
Ich bin ein pünktlicher Mensch. Ich lasse Menschen ungern warten. Ich fühle mich sonst unwohl. Hier in Ghana gibt es keine festen Zeiten. Man muss einfach warten. Unsere erste vierstündige Busfahrt nach Kumasi sollte die erste Erkenntnis bringen. Wir erreichten den Busterminal um 9 Uhr morgens. Zu unserem erstaunen erstreckte sich vor uns eine Reihe von Recht neu aussehenden roten VIP Bussen. Mit der Ghanaischen Hilfe hatten wir binnen weniger Minuten ein Ticket (für 50 Cedi= 10 Euro pro Kopf inklusive einem Koffer) ergattert und den richtigen Bus gefunden. Nun saßen wir im halbvollen Bus. Ich fragte den Busfahrer wann die Abfahrt sei und wie lange wir fahren würden. Er zuckte mit den Schultern und lachte. Wir warten also. Der Bus füllte sich nach und nach. Um kurz nach 11 Uhr rollte der nun volle Bus los auf die überfüllten Straßen. Busse haben in Ghana keine festen Abfahrtzeiten. Es kann den ganzen Tag dauern bis er losfährt. Wenn man jedoch nicht rechtzeitig kommt, kann er auch schon weggefahren sein und man fährt eben am nächsten Tag.

Ökologisch gesehen ist das eine sinnvolle Sache. Das vierstündige Warten empfinde ich jedoch als Tourist, der möglichst viel unternehmen will im Land, als sehr lästig. Beim Kundenservice ist das Warten auch vorprogrammiert. So kann es schon sein dass man im Mobilshop 1 Stunde für die Kaufabwicklung einer neuen Prepaidkarte wartet (ohne die einstündige Wartezeit bis man drankommt!). Mein Verkäufer unterhielt sich immer wieder mit Freunden die an der Straße vorbeiliefen. Telefonierte gelegentlich oder saß einfach nur unter dem Sonnenschirm herum. Ich musste ihn immer wieder daran erinnern, dass ich noch von ihm bedient wurde. Doch so ist die Arbeit hier. Jeder bringt für alle Tätigkeiten viel Zeit mit und keiner scheint sich über Verspätungen zu ärgern. Warten ist hier Alltag. 

Insgesamt bin ich froh diese Erfahrung gemacht zu haben und ich habe viele freundliche Menschen getroffen. Es ist ein hartes Leben hier und ich habe viele Dinge und Gerichte auf die ich mich in Deutschland freuen kann. Wenig zu haben lässt einen wieder mehr die Vielzahl an Dingen schätzen, die wir jeden Tag als selbstverständlich hinnehmen. Gesundheit und Hygiene. Nahrung und sauberes Wasser.

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